Buchstabe oder Geist?

Immer wieder hört man in Diskussionen über Verfassungen, Verträge oder Gesetze den Hinweis, dass es doch auf den „Geist“ nicht auf den „Buchstaben“ ankomme. Damit ist wohl gemeint, dass es etwas Grundlegendes gibt, das sich in geschriebenen Worten gar nicht korrekt ausdrücken lässt. Am besten ist das wohl am Beispiel eines „Ehevertrages“ zu verstehen: Der Buchstabe kann hier vieles klären; den Kern einer Ehe kann ein geschriebener Text aber nicht erfassen - dazu braucht es eine andere Dimension.

Pfingsten bringt „den Geist“ ins Spiel. Alle großen Weltreligionen haben „heilige Schriften“. Auch nichtreligiöse Weltanschauungssysteme basieren oft auf umfangreichen Texten. Viele Buchstaben… Ohne den guten Geist des Verstehen-Wollens und des Einfühlens in die so variantenreichen menschlichen Problemlagen, Bedürfnisse und Sehnsüchte können Buchstabensysteme zu unmenschlich-dogmatischen Verirrungen und Verknöcherungen führen.

In diesem Sinne hoffe ich auf „den Geist des Verstehens“ und freue mich jedes Jahr über das Pfingstfest, das mich zur Skepsis gegenüber den Buchstaben ermuntert und die Freiheit des Geistes lehrt. 


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